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Doz» Google

LENOX LIBRARY

Banerott Collection. Purchaced tn1893.

]

hen Band.

YaL Fisher

Doz» Google

.r

/ Geſchichte der neuern Philoſophie

Ruuo Fiſcher.

—— Fünfter Ban. Fichte und ſeine Vorgänger.

Zweite Abtheilung.

Seidelberg.

Verlagsbuchhandlung von Friedrich Ballermann.

1869. gt

con Rsiedsid Brommanı in dene.

Geſchichte der neuern Philoſophie.

Fünfter Band. Bweite Abtheilung.

Fünftes Capitel.

Die productive Einbildung als theoretifches Grundvermögen.

L Debuction der Einbildungsfraft.

1. Die unabhängige Thätigkeit ald Inbegriff aller Realität.

Die Rechnung der Wiffenfchaftslehre hat zu der Einficht ges führt, daß die (durch das Selbſtbewußtſein geforderte) Wechfel- beftimmung nur möglidy ift unter der Bebingung einer unabhän gigen Thatigkeit, die das theoretifche Grundvermögen ausmacht. Was diefe Thätigkeit näher ift, Tann nur aus Inhalt und Form der (durch fie bedingten) Wechſelbeſtimmung einleuchten.

Den Inhalt der Wechfelbeftimmung bildet der Gegenfa& von Ich und Nicht Ich. Die Wechfelbeftimmung felbft befteht darin, daß genau fo viel Realität, ald in dem einen jener beiden Facto⸗ ren gefegt wird, in dem andern aufgehoben werden muß, und umgekehrt. Die Summe biefer Realität wird mithin durch bie Bechfelbeftimmung weder vermehrt noch vermindert, fie bleibt conſtant; alfo ift der Inhalt in feiner Zotalität von der Wechſel⸗ beftimmung unabhängig und liegt derfelben zu Grunde, Realität ift Thatigkeit. Die Totalität des realen Inhalts ift mithin eine

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unabhängige Thätigkeit ald Realgrund der Wechfelbeftimmung. Wenn es eine ſolche unabhängige Thätigkeit ald abfolute Totali- tät nicht giebt, fo kann es auch Feine Wechfelbeftimmung geben, in der ſtets genau fo viel Realität in dem einen Gliede gefeht wer⸗ den muß, als in dem anderen aufgehoben wird, und umgekehrt.

Die unabhängige Thätigkeit ift der Inbegriff aller Realität oder die abfolute Totalität des Realen ).

2. Dad Nicht-Ich ald Grund der unabhängigen Thä— tigkeit. Dogmatifcher Realismus.

Nun ift das Ich der Inbegriff aller Thätigkeit. Wird in dem Ich die Thätigkeit aufgehoben oder vermindert, fo ift das Ich nicht mehr der Imbegriff aller Thätigkeit, es ift nicht mehr, was es feinem Weſen nach ift, es ift vermöge feines Leidens ein qualitativ Anderes. Der Grund des Qualitativen ift Realgrund. Diefer Realgrund feiner veränderten Qualität kann nicht das Ich felbft fein, alfo ift diefer Realgrund etwas vom Ich. Verfchie- denes, d. h. das Nicht: Ich. Iſt aber dad Nicht-Ich ber Real⸗ grund des Leidens im Ich, fo muß dem Nicht: Ich eine dieſem Leiden vorauögefegte, alfo unabhängige Thätigkeit zugefchrieben werden. Dann gilt dad Nicht: Ic) ald die Urfache, bie das Lei- den im Sch hervorbringt; es ift dann die Urfache der Vorſtellun⸗ gen, ber abfolute Realgrund, der Inbegriff aller hervorbringen⸗ den Thatigkeit, die allein wirffame Urfache: das Nicht-Ich ift die Subftanz und dad Ich ift Accidens. Wird die unabhängige Thatigkeit in diefer Weife beftimmt (das Nicht⸗Ich ald Realgrund von Allem), fo haben wir das Syſtem des „Dogmatifhen Realismus”, der feinen Typus in der Lehre Spinoza's gefun-

*) Ehenbajelbft, II Heil. 9.4. 6. 15152,

* den hat. Mit dieſer Belt ve abhängigen Thatigkeit wird das Ich felbft aufgehoben und für unmöglich erklärt. So noth⸗ wendig dad Ich ift, fo unmöglich if daher die dem Ich voraus: gefebte unabhängige Thätigkeit des Nicht: Ich*).

5. Dad Ih ald Grund der unabhängigen Thätigkeit. Dogmatifher Idealismus.

Das Ich ift der Inbegriff aller Thätigkeit. Im Ich wird Thätigleit aufgehoben oder Leiden geſetzt. Durch die unabhän- gige Thätigkeit des Nicht:Ich kann dieſes Leiden nicht geſetzt wer⸗ den, alfo kann es nur durch bie Thätigkeit des Ich felbft geſetzt fein. Das Leiden im Ich ift demnady nur verminderte ober bes ſchrankte Thätigkeit. Beſchrankte Thätigkeit aber ift aud das Nicht: Ich. Wie alfo unterfcheidet fich jet noch dad befchränkte Ich vom Nicht⸗Ich? Unterfcheiden aber müffen beibe fich laſſen, denn fie find einander entgegengefest. Nun läßt fi das bes ſchrankte Ich vom Nicht:Ich nur unterfcheiden, wenn es iſt, was das Nicht» Ich nie fein ann: unabhängige ober abfolute Thä- tigkeit. Die befchränkte Thätigkeit des Ich muß demnach zugleich abfolute Thätigkeit fein. Was aber ift das für eine Thätigkeit, die zugleich abfolut und befchränkt ift? Sie ift abfolut oder uns abhängig, wenn fie durch nichts bebingt, alfo ganz fpontan ift, fie ift befchränft, wenn fie ſich auf ein Object bezieht; es handelt fih daher um eine Thatigkeit, die fi mit völliger Spontaneität auf ein Object bezieht: dieſe Thätigkeit ift die Einbildungs⸗ fraft. Der Begriff der Einbildungskraft ift noch nicht erwiefen und deducirt, er ift nur vorausgenommen ald dad Ziel, welches der Zefer, um fich in diefem ſchwierigſten Theile der Wiſſenſchafts⸗ lehre leichter zurechtzufinden, ind Auge faffen möge **).

*) Ehendafelbit. IL. 8.4. 6, 152— 157.

**) Ehbenbajelöft. IL. 8.4. ©. 157—160,

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Wird das Leiden im Ich aus der unabhängigen Thätigfeit des Nicht: Ich als feinem Realgrunde erklärt, fo haben wir dad Syſtem bes bogmatifchen Realismus (Spinoza), deſſen Unmög- lichkeit einleuchtet. Wird das Leiden im Ich aus der grundlofen Thätigkeit des Ich erklärt, fo haben wir den „Dogmatifchen Idea⸗ lismus“ (Berkeley), dem zwar nicht die fachliche, wohl aber die philofophifche Begründung abgeht und darum der dogmatifche Realismus fortwährend widerftreitet. Beide Syfteme bilden ei⸗ nen im Begriffe deö befchränften Ich begründeten Widerftreit: diefen Wiberftreit begreift und enthüllt der kritiſche (Bantifche) Idealismus, die Wiffenfchaftslehre Löft ihn”).

4. Die Form der unabhängigen Thätigkeit. Uebertragen und Entäußern.

Die unabhängige Tätigkeit ift in Rückſicht der Wechfelbe: flimmung von Ich und Nicht⸗ Ich formbeftimmend, Wie muß fie befchaffen fein, wenn durch fie die Form des Wechſel-Thuns und Leidens beftimmt werben fol? Worin befteht die Form ded Wech⸗ ſels? So viel Realität in dem einen Gliede gefegt wird, fo viel wird in dem andern aufgehoben und umgekehrt. Mithin hat die Wechſelbeſtimmung in jeder ihrer Handlungen immer mit beiden Sliedern zu thun: die Form ihrer Thätigkeit ift allemal ein Wechſeln oder ein Uebergehen von einem Gliede zum andern. Ohne ein ſolches Uebergehen kann weder im Nicht: Ic Tätigkeit noch im Ich Leiden flattfinden. Soll in das Nicht: Ich Thätige keit gefegt werden, fo muß im Ich genau fo viel Thätigkeit auf- gehoben oder, da das Ich der Inbegriff aller Thätigkeit ift, vom

Ich auf das Nicht: Ich Übertragen werben. Das Ich überträgt einen Theil feiner Thätigkeit auf dad Nicht Ich; es befchränkt

*) Ebendaſelbſt. IL. $. 4. ©. 155, 56,

629

bie eigene Thätigkeit; da ed ber Inbegriff aller Thätigkeit ift, fo begrenzt es diefe feine Zotalität und geht von ber abfoluten Totalität zur begrenzten über. Diefer Uebergang ift nur mög: lich, indem es eineh heil feiner Realität (Thätigkeit) von fich ausſchließt oder, was baffelbe heißt, indem ed fich feiner Realität zum Theil entäwßert. Jene Ausſchließung iſt eine Entäußerung. So if die Thätigkeit im Nicht: Ich nur durch Uebertragung, das Leiden im Ich nur durch Entäußerung möglich: daher befteht die Form jener unabhängigen Thatigkeit im Uebertragen und im Entäußern*).

Vergleichen wir den Inhalt der unabhängigen Thätigkeit (Spontaneität und Beziehung auf ein Object) mit diefer Form (Uebertragung und Entäußerung), fo leuchtet ein, daß fich beide gegenfeitig beflimmen und fordern. Diefer Inhalt kann Feine andere Form, diefe Form keinen andern Inhalt haben.

Vergleichen wir den Inhalt der Wechfelbeftimmung (Ber: haͤltniß der Wechfelglieber) mit ihrer Form (Eingreifen ber Gtie- der), fo leuchtet ebenfalls ein, wie beide einander völlig entfpre« hen und ein folches Verhältniß nur in einer ſolchen Form ſtatt⸗ finden fann.

Vergleichen wir endlich die unabhängige Thätigkeit als diefe Einheit von Inhalt und Form mit der Wechfelbeftimmumg als diefer Einheit von Inhalt und Form, fo ift Mar, daß beide eines find, daß fie fich gegenfeitig beflimmen, alfo eine vollkommene Syntheſe bilden: eine Handlung, die durch einen Kreislauf in fi) felbft zurädgeht*").

*) Chenbafelbft. II. 8. 4. ©. 160— 166, **) Ghendafelöft, IT. 8. 4. ©, 166171. diſder, Gefäläte der Phllofonkie. V. 34

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5. Ideal-Realismus. Dualitativer Idealiomus umd Realismns. Oxnantitativer Idealiemus und Realismus.

Die unabhängige Thätigfeit iſt demnach beftimmt und bie Bebingung gefunden, welche ben in der Wechſelbeſtimmung ent: baltenen Widerſpruch auflöft. Es war der Widerfpruch zwiſchen der Caufalität des Nicht: Ich und der Subftantialität des Ich. Der gefundene Begriff ift daher auf biefe beiden Arten ber Wech- felbeftimmung anzuwenden. Es giebt in dem Nicht Sch Feine vorauögefegte urfprüngliche Thätigkeit: diefe Annahme, welche ben dogmatifchen Realismus charakterifirt, ift unmöglich. Alle Thatigkeit ober Realität des Nicht: Ich ift Feine urfprüngliche, fondern eine übertragene. Soll aber Thätigkeit auf das Nicht: Ich übertragen werden, fo muß boch dad Nicht: Ich zur Auf: nahme berfelben gegeben, alfo ald etwas von dem Ich Verſchie⸗ denes unb. Unabhängiges vorhanden fein. Das Webertragen ſetzt dad Dafein deöjenigen voraus, dem übertragen wird. So er: ſcheint das Nicht:Ich ald Ding an fich, und wir begegnen hier einer unmöglichen Faſſung.

Unter Feiner Bedingung darf das Nicht Ich ald Ding an fich gefaßt werden. Es ift dem Ich nicht vorausgeſetzt, fondern nur entgegengefeßt. Das Ich feht etwas fich entgegen, indem es Thatigkeit in fich aufhebt ober Leiden in fich ſetzt. Das Setzen eines leidenden (befchränften) Ich ift dad Setzen eines thä⸗ tigen Nicht: Ich. Nennen wir die Thatigkeit bes Ich den Ideal⸗ grund, die Thätigkeit des Nicht: Ich dagegen den Realgrund, fo leuchtet ein, daß der Realgrund keineswegs vorausgefegt, ſon— dern aus dem Idealgrunde erklärt fein will. Diefe Erklärung meife bildet den Geſichtspunkt zu einem ‚wirklichen Idealrealis- mus, „Ideal: und Realgrund find im Begriffe der

531 Wirkſam keit (mithin überall, denn nur im Begriffe der Wirk: famkeit kommt ein Realgrund vor) Eind und Ebendaf- felbe*),”

Die Löfung bes Widerfpruchd und die Entſcheidung der Sa- he liegt.in der Erklärung der in dem Ich vorhandenen Schranke. Woher die Einfhränfung bes Ich? In der Auflöfung dieſer Frage unterfcheidet Fichte die verfchiedenen Arten des Idealismus und Realiömus. Der Idealismus erklärt dad Borhandenfein je ner Schranke bloß aus dem Ich, der Realismus erklärt fie nicht aus dem Ich. Wird die Einfchränfung des Ich aus der Beſchaffenheit (d. h. abfoluten Thätigfeit) des Ih erklärt, fo haben wir den Standpunkt, den Fichte den „qualitativen Idea⸗ lismus nennt; wird fie aus ber Befchaffenheit (Xhätigkeit) des Nicht: Ich begründet, fo haben wir den „qualitativen Realid: mus”, Wird fie aus einer beftimmten Handlungsweiſe (d. h. aus den Geſetzen) des Ich abgeleitet, fo haben wir den „quantitatis ven Idealismus‘; wird fid nicht abgeleitet, fondern ald etwas betrachtet, das im Ich vorhanden ift ohne Zuthun des Ich, fo haben wir den Standpunkt, den Fichte „quantitativen Realis- mus” nennt und dem Eritifchen (Eantifchen) Idealismus gleich fest).

6. Das mittelbare Seben.

Der qualitative Realismus iſt ein unter dem Princip der Wiſſenſchaftslehre unmöglicher Standpunkt: dad Nicht-⸗Ich darf weder als Realgrund noch als Ding an ſich gefaßt werben; mer der darf in ihm eine urfprüngliche Thätigfeit noch darf es felbft als Subftrat einer zu übertragenden Thätigkeit vorausgeſetzt wer«

*) Ebendaſelbſt. IL. 9.4. ©. 171—175, .

**) Chendafelbft. IL $. 4. ©. 184—187.

34*

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den. Es wird mithin überhaupt nicht vorausgeſetzt, fondern bloß entgegengefebt. Alles Entgegenfegen ift aber nur möglich in Rückſicht auf ein Geſetztes. Das Ich fest ein Nicht: Ich bloß dadurch, daß es entgegenfeßt; es fegt entgegen, indem ed ſich entgegengefest d. h. bie eigene Thatigkeit einfchränft, Mithin ift alles Entgegenfeßen ein vermittelteö oder mittelbares Segen. As ein folches mittelbared Segen will die unabhängige: Thätige keit beftimmt fein. Was in das Ich nicht gefeht wird, wird in das Nicht: Ich übertragen d. h. ald Nicht:Ich geſetzt. Ober, wie fih Fichte auch ausdrückt, jedes Glied wird gefeßt durch das Nichtfeßen bed andern. Ohne ein ſolches mittelbares Setzen ift Bein Entgegenfegen (bed Ich), Fein Nicht: Ich,. Feine Schranke im Ich, fein Bewußtfein möglich. Daher erklärt Fichte dieſes mittelbare Segen für dad Geſetz bed Bewußtfeins*).

7. Borftellen und Einbilden. Subject und Object.

Das Ic) fest entgegen, d. h. es ſetzt ſich entgegen: es ſetzt ein Object. Das Nicht-Ich iſt weder Realgrund noch Ding an ſich, ſondern Object. Objerte find nur für (in Rüdficht auf) ein Subject und dieſes wieder ift nur möglich im Unterfchiede von einem Objecte. Daher fein Subject ohne Object und umgekehrt.

Die unabhängige Thätigfeit oder das mittelbare Setzen ift demnach ein Segen von Subject und Object. Jedes Glied ift an bad andere gebunden, benn es iſt dem anderen entgegengefeßt. Das Object wird gefegt Durch Aufhebung des Subjects und ums gelehrt. Das Ich feht mittelbar entweder ein Object ober ein Subject. Es ſetzt das Object: fo muß es dad Subject aufheben d. h. die eigene Thätigkeit einfchränfen,, alfo Leiden in fich fegen y obendaſelbſt. IL. 8.4. ©, 181—188,

633

und biefes fein Leiden auf das Object ald Realgrund beziehen, d. h. ed muß in ihm die Vorftellung einer vom Ich unabhän: gigen Realität des Nicht» Ich entfichen. Es fett das Subject: fo muß es das Object aufheben, die Thatigkeit deſſelben eins ſchranken oder Leiden in dad Object ſetzen und dieſes Leiden auf die Thätigfeit des Subjects als Realgrund beziehen; es muß die eigene Thätigkeit ald Urfache de im Objecte gefesten Leidens be trachten, alfo die Vorftelung einer vom Nicht: Ich unabhängigen Realität des Ich erzeugen, d.h. die Worftellung ber Freiheit*).

Das mittelbare Segen ift alfo ein Borftellen oder Einbilden. Bohlgemerkt: das Nicht: Ich iſt nicht der Realgrund bes im Ich geſetzten Leidens, fonft wäre es Ding an fi, fondern es muß als diefer Realgrund vorgeftellt ober eingebildet werben. Es ift diefer Realgrund nicht als Ding an fi), fondern ald nothwen⸗ dige Vorſtellung des Ich. Diefe Vorſtellung bringt das Ich nothwendig aus ſich hervor: die unabhängige Thätigkeit ober das mittelbare Seen muß daher beflimmt werben ald dad Ber: mögen Borftellungen hervorzubringen ober als die probuctive Einbildungskraft.

Ohne dieſe probuctive Einbildungskraft giebt es Feine Vor⸗ ſtellung von der Realität des Nicht: Ich, Fein mittelbare Segen von Subject und Object, Feine unabhängige Thätigkeit, die in jenem mittelbaren Setzen befteht; feine Wechfelbeftimmung von 3 und Nicht: Ich, die jene unabhängige Thätigfeit als Bebin- gung fordert; Feine Vereinigung von Ich und Nicht-Ich, bie ohne Wechfetbeftimmung nicht ftattfinden kann; keinen Gegenfag von Ich und Nicht: Ich, Fein fegended und entgegenſetzendes Ich, kein urfprüngliche® Ich, alfo überhaupt Fein Ich, Feine Intelli- genz, keinen Geift.

*) Ebendaſelbſt. IL. 8.4. 6. 183, ©. 189.

534 Die probuctive Einbildungskraft ift demnach dad theoretifche Srundvermögen. „Ohne diefed wunderbare Vermögen,” fagt Fichte, „läßt ſich gar nichts im menfchlichen Geifte erklären und es dürfte fich gar leicht der ganze Mechanismus des menfchlichen Geiſtes darauf gründen *).”

I Einbildung und Selbftbewußtfein. 1. Die bewußtlofe Production. Das Product als Object.

Bir haben gefehen, wie die Wiſſenſchaftslehre nach der Richt: ſchnur ihrer Methode die productive Einbildungskraft als die Grundbedingung der Wechielbeftimmung und des theoretifchen Ich deducirt. Verſuchen wir jest, dad gewonnene Ergebniß auf lürzerem Wege zu erreichen und durch eine einfache, von dem ſchwerfälligen und weitläufigen Apparat der Methode freie Be: trachtung vollfommen deutlich zu machen. Wir find an einer Stelle, die dad Verftändniß der Wiffenfchaftölehre entfcheidet und daffelbe zugleich mit großen Schwierigkeiten umgiebt. Bleibt diefer Punkt dunkel, fo bleibt die ganze Wiffenfchaftölehre un: verftanden und mit ihr die folgenden Syfteme, die aus ihr her: vorgehen.

Das theoretifche Ich (die Wechſelbeſtimmung) fordert eine Thatigkeit des Ich, bie zugleich unabhängig und beſchränkt ift, die fich mit völliger Spontaneität auf ein Object bezieht. Ber flimmen wir, welcher Art diefe Tätigkeit fein muß. Sie ift nur dann unabhängig, wenn fie durch nichts bedingt, vielmehr alles durch fie bebingt ober gefeßt iſt; die unabhängige Thätig- keit des Ich ift darum nothwendig probuctiv. Alles ift ihr Pro:

*) Ghenbajelbft. IL. $, 4. S. 208.

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duct. Zugleich fol diefe Thaͤtigkeit befchränft fein, fie fol einen Gegenftand haben, auf den fie fich bezieht, Weil die Thätigfeit des Ich unabhängig ift, darum ift fie production; weil fie be: ſchrankt ift, darum iſt fie objectin (fie hat Objecte). Sie fol beides zugleich fein: das ift nur möglich, wenn fie eine ſolche Tätigkeit ift, deren Producte zugleich ihre Objecte, oder deren Dbjecte ihre eigenen Probucte find. Nun ift Object die Vorſtel⸗ lung eines von mir unterfchiebenen Wefend, dad mir gegenübers ſteht, deſſen Thätigkeit mich beftimmt und einfchränft: alfo die Vorſtellung der Realität des Nicht: Ich. Das Object erfcheint dem Ich ald ein fremdes Product. Daher kann jene Thär tigfeit des Ich, die zugleich unabhängig und befchränkt (pro⸗ ductiv und objectiv) ift, nur eine ſolche fein, welcher die eige: nen Probucte als fremde Producte oder ald Dinge außer ihr erſcheinen.

Sobald ich aber in meiner Thätigkeit zugleich auf dieſelbe reflectire, ſo Tann dad Product derfelben mir nur ald mein Product erſcheinen, nicht als etwas Reales außer mir, nicht als din meine eigene Thätigkeit beftimmendes und einſchränkendes Ob: jet, Als ein ſolches kann mein Product mir daher nur dann err ſcheinen, wenn ich in meiner Thätigkeit nicht auf diefelbe reflec⸗ fire oder, was daffelbe Heißt, wenn ich in meiner. Thätigkeit mir derfelben als ber meinigen nicht bewußt bin. Alfo kann nur in der bewußtlos producirenden Thätigkeit des Ich das eigene Pros duct ald ein fremdes erfcheinen. Nur die Producte einer folchen Thatigkeit erfcheinen zugleich ald Objecte von außen unb Fönnen nicht anders erfcheinen. Eben diefe Thätigkeit ift Die Einbildung. Sie ift völlig fpontan ; aber in diefer völlig fpontanen und darum unabhängigen Thatigkeit kann das Ich ſich nur fegen als be ſtimmt durch ein Nicht: Ich. Hier fiehen wir auf dem Grunde

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des theoretifchen Ich. Das Vermögen ift entdeckt, das ben Grundfag der theoretifchen Wiffenfchaftölehre trägt.

Diefe Entdeckung ift höchſt wichtig. Die bewußtlofe Pro- duction ift der Grund und Kern bed Bewußtfeind, die Bedin⸗ gung, durch welche das legtere allein möglich iſt. Wie follte ed anders möglich fein? Das Bewußtſein fest in fich die bewußt- Iofe Thätigkeit voraus. Denn da dad Bewußtfein nur möglich iſt durch Reflerion auf die eigene Thätigkeit, fo kann die Thä— tigkeit, in Reflerion auf welche dad Bewußtſein entfteht, offen= bar nicht felbft bewußt fein. Sobald wir vorftellen, ohne auf unfere vorftellende Thaͤtigkeit zu reflectiren, d. h. fobald wir bes wußtlos vorftellen, erfcheinen uns die Producte unferer Thätig- keit (die Bilder) ald Objecte von außen. Jedes Traumbild be weift die Wahrheit diefed Satzes. Das eigene Product erfcheint ald fremdes, ald Object außer und, als Nicht-Ich, wenn es bewußtlos probucirt wird. Diefe berußtlofe Production ift die Einbildungskraft. Wermöge derfelben ift das Ich vorgeftellte Welt, Vorftelung der Dinge. Vermöge der Reflerion auf dieſe feine Vorftellung ift es Selbftbewußtfein. Daher ift die produc⸗ tive Einbildungskraft die Bedingung des Bewußtſeins, des Ich.

2. Alle Realität ala Product der Einbildung.

„Es wird demnach hier gelehrt”, fagt Fichte, „Daß alle Realität es verſteht fih für uns, wie ed denn in eis nem Syſtem der Trandfcendentalphilofophie nicht anders verflan- den werben foll bloß durch die Einbildungsfraft hervorgebracht werde. Einer der größten Denker unferes Beitalterd, der, fo viel ich einfehe, das gleiche lehrt, nennt dieß eine Tauſchung durch die Einbildungskraft. Aber jeder Täu⸗ ſchung muß ſich Wahrheit entgegenfegen, jede Täuſchung muß

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fic) vermeiben laffen. Wenn denn nun aber erwiefen wirb, wie es im gegenwärtigen Syſteme erwieſen werben fol, daß auf jene Handlung der Einbildungsfraft die Möglich: teit unferes Bewußtfeins, unferes Lebens, unfer res Seins für uns d.h. unferes Seins als Ih fi gründet; fo kann biefelbe nicht wegfallen, wenn wir nicht vom Ich abftvahiren follen, welches fich widerfpricht, da das Abftca- birende unmöglich von ſich felbft abftrahiren kann; mithin täufcht fie nicht, fondern fie giebt Wahrheit und die einzig mögliche Wahrheit. Annehmen, daß fie tauſche, heißt einen Stepticide mus begründen, der das eigene Sein bezweifeln lehrt *).”

Mm. Die Wiffenfhaftslcehre als pragmatifhe Gefhichte des menſchlichen Geiftes.

1. Das Ziel der theoretifhen Wiffenfhaftslehre. Mit diefer Einficht in die Natur und das Vermögen ber Einbildungskraft haben wir die theovetifche Wiſſenſchaftslehre noch keineswegs befchloffen, ſondern erft begründet. Wir flehen auf dem Grunde deö theoretifchen Ich und haben gefunden ,: auf welche Weiſe allein die Handlung möglich ift, bie den Grund: fag der theoretifchen Wiſſenſchaftslehre (die Wechfelbeftimmung) ausführt, Die Einbildungskraft fest ihr Probuct als ein frem⸗ bed, als ein Object außer ihr, d. h. vermöge der Einbildungs: kraft fett das Ich fich ſelbſt als beflimmt durch das Nicht: Ich, nur vermöge einer folchen Thatigkeit. Alle anderen Dentmög- lichkeiten find methobifch erprobt und auögefchloffen worden. Aber Aber das Ich ift nicht bloß, fondern es iſt fir fih. Das y Ebendaſelbſt. IL, 8.4. 6.227, Ar. 18.

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Sein für ſich if feine Weſenseigenthümlichkeit, ohne welche es aufhören würde, Ich zu fein. Es liegt daher in dem Charakter des Ich, daß es für fich ift, was es ift. Es iſt micht genug, daß es ſich fegt als beſtimmt durch bas Nicht Ich: es muß ſich ſo auch für ſich ſetzen, d. h. ed muß dieſe feine Thätigkeit er⸗ kennen oder in das Bewußtſein erheben; es muß erkennen, daß ſein Object ſein Product iſt. Das Ich ſetzt ſich als beſtimmt durch dad Nicht⸗Ich, d. h. es iſt productive Einbildungskraft. Es iſt nicht genug, daß es Einbildungskraft iſt: es muß dieſe Einbildungskraft auch für ſich fein, es muß dieſe feine Thaͤtig⸗ keit ins Bewußtſein erheben oder, was daſſelbe heißt, erkennen, daß ſein Object das Product ſeiner Einbildungskraft iſt. Nehmen wir, das Ich habe den Standpunkt gewonnen, auf dem es ein⸗ ſieht, daß es ſich ſetzt als beſtimmt durch das Nicht-Ich, ſo iſt es nicht bloß theoretiſch, ſondern es iſt für ſich theoretifches Ich, es weiß ſich als ſolches, es erkennt ſich als den Grund ſeines theoretiſchen Verhaltens, d. h. es erkennt den Grundſatz der theo⸗ retiſchen Wiſſenſchaftslehre. Wenn das Ich dieſe Einſicht er⸗ reicht hat, ſo iſt aus dem theoretiſchen Ich ſelbſt der Grundſatz der theoretiſchen Wiſſenſchaftslehre hervorgegangen; dieſer Grund⸗ ſatz iſt Reſultat geworden und damit haben wir das untrügliche Zeugniß, daß die theoretiſche Wiſſenſchaftslehre ihren Kreislauf vollendet, ihr Spftem befchloffen hat.

Es ift alfo klar, welche Aufgabe die theoretifche Wiffen- ſchaftslehte noch zu löfen hat, Ihr Kreislauf befchreibt zwei Hälften. Bon dem Grunbfag ber theoretifchen Wiſſenſchaftslehre zum Grundvermögen des theoretifchen Ich (productive Einbil- dungskraft): das iſt die erfte Hälfte; von diefem Grundvermögen zurück zu jenem Grundfag: bad ift die zweite, . Die erfte hat fie befchrieben, die zweite ift moch zu befchreiben. Es ift jetzt zu

539 erkennnen, wie bie Einbildungskraft vollftändig ind Bewußtfein erhoben wird ober wie aus dem theoretifchen Grundvermögen der Grundſatz beffelben (für dad Ich) hervorgeht.

2. Die Methode der Entwidlung. (Schelling und Hegel. Schlegel und Novalis.)

Diefe Erhebung gefchieht von Stufe zu Stufe. Diefen Stufengang ober diefe Entwidlung macht nicht etwa die Wiſſen⸗ ſchaftslehre vermöge ihrer Methode, fondern dad Ich (die Intelis genz) felbft vermöge feiner Natur. Denn es ift die Natur und das nothwendige Geſetz der Intelligenz: was fie ift, für ſich zu fein; was fie thut, ind Bewußtſein zu erheben. Diefes Geſetz treibt die Intelligenz von der unterften Stufe ihres theoretifchen Verhaltens bi zur höchften, wo fie begreift, daß ihr Object ihr eigenes Product iſt.

Die Methode der Wiſſenſchaftslehre fällt alſo von jetzt an mit dem naturgemäßen Entwidlungsgange der Intelligenz zu⸗ fammen ; fie hat diefen Entwicklungsgang nur zu betrachten und darzuftellen: die Wiffenfchaftslehre wird daher von jegt an, wie ſich Fichte ausdrückt, „die pragmatifche Gefhichte des menſchlichen Geiſtes“.

In dieſer Aufgabe und ihrer Löſung erkennen wir das von Fichte gegebene Vorbild und Motiv für die nächften Syſteme, die auf die Wiſſenſchaftslehre und aus derſelben gefolgt find. Die felbe Aufgabe fette fich Schelling in feinem „trandfcendentalen Vealismus"; diefelbe Hegel in feiner „Phänomenologie des Seiftes"; der Kenner weiß, was diefe Werke in der Geſchichte unferer deutfchen Philofophie bedeuten. Kein Punkt in dem ganzen Umfange der fichte’fchen Lehre hat eine größere Tragweite als die Begründung des theoretifchen Ich. durch bie probuctive

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Einbildungskraft und die darin enthaltene Aufgabe. Bon bie fem Punkte aus übte die Wiffenfchaftslehre ihre Anziehungskraft auf Novalid und Fr. Schlegel und erfchien einen Augenblid lang dem Geifte der romantifchen Schule, der die Macht der Einbildungskraft vergötterte, als die ihm wahlverwandte Philo- fophie. Was Kant durch feine Lehre von der transſcendentalen Apperception für Fichte war, das ift Fichte durch feine Theorie und Entwidlung der Einbildungskraft für Schelling und Hegel geworben.

3. Grenzpunkte der Entwicklung.

Die noch zu Iöfende Aufgabe der theoretiſchen Wiſſenſchafts⸗ lehre hat die naturgemäße Entwicklung des theoretifchen Sch zu ihrem Gegenftande. Dadurch ift fie genau beftimmt und in fefte Grenzen eingefchloffen. Die Grenzpunkte jener Entwicklung find auch die Grenzpunfte der pragmatifchen Gefchichte des Geiftes: der Ausgangspunkt ift die niedrigfte, der Endpunkt die höchfte Stufe jener Entwicklung. Im Anfange erſcheint dem Ich fein eigenes Probuct bloß ald Object, am Ende erfcheint dem Ich das Object ganz als fein Product. Zuerft ſetzt das Ich fein Pro: duct al Object, d. h. es ſetzt ſich als beftimmt durch das Nicht-Ich; zuletzt ſetzt das Ich ſein Object als Product, d. h. es erkennt, daß es fich ſetzt als beſtimmt durch das Nicht-Ich.

4. Geſetz der Entwidlung.

Auch dad Geſetz der ganzen Entwicklung ober der fortſchrei⸗ tenden Erhebung ift vollfommen beftimmt. Das Geſetz heißt: Ich —Ich, oder was das Ich ift, iſt ed für ſich; was es thut, erhebt es ind Bemußtfein. Eben diefe Erhebung ift der noth: wendige Fortfchritt von der niederen Stufe zur höheren. Setzen

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wir, dad Ich fei in einer gewiffen Thätigfeit, mit der es zu⸗ nächft zufammenfällt, gleih A, fo wirb durch die nothwendige Reflerion auf diefe Thätigfeit A verwandelt in gewußtes A. Die Thätigkeit aber, durch welche A ift, und diejenige, durch welche A gewußt wird, verhalten fich wie die niedere Thätigkeit zur höheren. So verändert dad Ic) feine Thätigkeit und damit ſich felbft oder feinen Standpunkt, d.h. es erhebt ſich von ber nie: deren Stufe zur höheren.

Diefen Stufengang haben wir jest im Einzelnen zu be traten. Fichte hat denfelben entwickelt in der Grundlage ber gefammten Wiffenfchaftslehre ald „Deduction der Vorftelung” und in dem „Grundriß des Eigenthümlichen der Wiffenfchafts- lehre in Rückſicht auf das theoretifche Vermögen”. Die „De duction” giebt die Gründzlige ber ganzen Entwidlung, der „Grund: tip” enthält nur „das Eigenthümliche ver Wiſſenſchaftslehre“ d.h. die Hauptpunkte, in denen fie ſich von der kantiſchen Vernunft kritik unterfcheidet. Was dieſe vorausſett, will die Wiflen- ſchaftslehre deducirenz wo jene anfängt, endet daher diefe ben Grundriß ihres eigenthümlichen Inhalts. Dieſe ihre eigenthüm⸗ liche Leiſtung iſt die Deduction der Empfindung und Anſchauung.

Sechſtes Capitel. Die Entwicklung des theoreliſchen Ich.

L Die Empfindung. 4. Der Zufand bes Leidens.

Was das Ich ift, kann es nur durch fich fein. Was das Ich ift, muß ed auch für fich fein, d. h. es darf nicht bloß fein, ſon⸗ dern muß auch erkennen, was ed ift. Diefe beiden Gefege, Die mit dem Wefen bed Ich felbft eines find, bedingen und erflären deſſen nothwendige theoretifche Entwidlung *).

Den Charakter der erften-und niedrigften Stufe in biefer Entwicklung haben wir bereits beftimmt. Dem Ich erfcheint fein eigenes Product gar nicht als fein Product, fondern ald etwas ohne fein Zuthun Vorhandene, als etwas ihm von außen Ge- gebened. Was dem Ich gegeben ift, kann nur in ihm gegeben fein; was im Ich gegeben ift ohne fein Zuthun, kann nur ald Aufhebung oder Einfchränkung feiner Thätigkeit gegeben fein: als Gegentheil der Thätigfeit, ald Zuftand und Leiden, als lei⸗ dender Zuſtand. Das Erfte wird daher fein, daß das Ich ſich

*) Grundriß des Gigenthümlicen der Wiſſenſchaftslehre. $. 1. S. W. I Abth. IB. 6.333,

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als leidend (nicht fest, fonbern) findet. Es findet einen Zuſtand vor, es findet denfelben in ſich vor, es findet fich als leidend (afficirt), d.h. edempfindet. Die erfte Stufe ift daher ein Finden, ein ſich und in ſich Finden (Infihfindung), Empfinden (Empfindung) *).

2. Thätigkeit und Leiden.

Wenn wir die Thatfache der Empfindung, an welchem Bei⸗ fpiel e8 immer fei, analpfiren, fo fehen wir leicht, unter wel: hen Bedingungen allein Empfindung flattfinden kann. Die Em: pfindung ift in uns, fie ift ein fubjectiver Vorgang, Affection, ein Eindrud, den wir empfangen; fie ift in diefer Rückficht ein Leiden. Uber das bloße Leiden ift nicht Empfindung, ber bloße Eindruck ift noch keine Empfindung. Zur Empfindung gehört, daß wir das Leiden und aneignen und zu dem unfrigen machen; ohne dieſe Thätigkeit ift Empfindung nicht möglich. So ift jede Empfindung ein Product aud den beiden entgegengefehten Facto⸗ ten ber Thätigfeit und bed Leidens, fie iſt ein Probust dieſes im Ich vorhandenen Widerſtreits. Das gemeinfchaftliche Product diefer beiden entgegengefegten Factoren, wenn ed nicht gleich nichts fein fol, Bann nur etwaß fein, das weber bloß Thatigkeit noch bloß Leiden ift, alfo die Thaͤtigkeit im Zuſtande · des Leidens, die Thatigkeit ald Vermögen: „als ruhende Thätigkeit, ald Stoff ober Subftrat der Kraft” **). Segen wir im Ich den Widerſtreit von Thätigkeit und Leiden ; beibe dürfen fich nicht gegenfeitig aufs heben, fie müffen ſich vereinigen, was nur gefchehen Tann, inz dem fie ſich gegenfeitig begrenzen; fegen wir dad Ich in den Zu⸗

*) Ehenbafelbft. $. 2. Etſtet Lehrſat. III. S. 339,

**) Ehenbafelbft. 9.2. L S. 335336. Vol. $. 3, Zweiter Lehtſah. L. 6. 340-341,

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fland biefer Begrenzung, fa kann es nichts anders fein als Em- pfindung*). s

3. Reflerion und Begrenzung.

Wie aber folgt aus dem Wefen des Ich die Notwendigkeit der Begrenzung? Diefe Einficht giebt die Deduction der Em: pfindung, welche die kantiſche Kritik nicht gegeben und Fichte hier zum erften male verſucht hat.

Das Ic iſt reine, durch nichts eingefchränkte, unbegrenzte Thatigkeit; was das Ich ift, muß es für fich fein; es ift Thatig⸗ keit und zugleich Reflerion auf diefelbe. Es veflectirt feine Thä— tigkeit. Wird die Thätigkeit reflectirt, fo geht fie nicht ununter- brochen fort ind Unbegrenzte; die Reflerion erzeugt Unterbrechung, Begrenzung der Thätigkeit und wendet diefe dadurch in das Ich felbft zurüd. So ift das Ich vermöge feiner Reflerion in ſich zurückkehrende Thätigkeit; vermöge biefer Thätigkeit kommt das Ich zu fich, findet ſich, fühlt fih. Wäre es bloß unbegrenzte Thätigkeit ohne.Reflerion, fo wäre es fein Ich. Alſo vermöge der Reflerion, welche die unbegrenzte Thätigkeit hemmt und in fich zurücktreibt, finbet fich erft das Ich und entſteht erſt für fich.

Es entſteht durch ſich, es ift fein eigenes Product, aber ed kann noch nicht wiffen ; daß es felbft der Grund feiner Entſtehung iſt; es iſt noch nicht felbftbewußtes Ich. Was alfo ift dieſes fo ent⸗ ftanbene Ich )?

Das Ich begrenzt feine Thaͤtigkeit, indem es dieſelbe refler⸗ tirt. Dieſe Reflexion iſt auch ſeine eigene Thätigkeit. Aber in⸗ dem es auf feine Thaͤtigkeit reflectirt, veflectiet es nicht auch zus gleich auf diefe feine Reflexion. Diefe tritt daher nicht ind Be—

*) Ebenbafelbft. 8.3. III. S. 345—348,

) Ebendaſelbſt. 8.3. VL B. ©. 359, 360.

345

wußtfen, fie ift alfo bewußtloſe Thätigkeit. Was fie produ⸗ cirt, erfcheint darum dem Ich nicht ald (von ihm) hervorgebracht, fondern als (von außen) gegeben. Das Product jener erflen Re flerion {ft die Begrenzung. Die Begrenzung erſcheint als von außen gefegt und kann hier nicht anderd erfcheinen. Alfo kann hier das Ich fich als begrenzt auch nur finden, es findet ſich leidend, d.h. es empfindet. Und fo kann dad Ich vermöge feir ner erften Reflerion (auf der erften Stufe feiner Entwiclung) nichts anderes fein ald Empfindung”).

Die Begrenzung des Ich ift Product einer Thätigkeit, auf welche das Ich nicht veflectirt, alfo einer bewußtloſen Thätigkeit, mithin iſt Diefe Begrenzung für das Ich felbft zunachſt nicht fein Product, fondern fein gegebener Buftand, in dem es fich leidend verhält und als leidend findet. Sein Selbfigefühl fäut mit fei- ner Begrenztheit und feinem Leiden zufammen. Es fühlt fich begrenzt: dieſes Gefühl feiner Begrenztheit ift zugleich ein Ge: fühl des Nichtkönnens ober des Zwanges, und von einem folchen Gefühl iſt jede Empfindung begleitet**).

IL Anfhauung.

4. Reflerion auf die Empfindung.

Was das Ich ift, muß es für fich fein. Es muß fih als dad, was es ift, felbft fegen, inbem es darauf reflectirt. Nun ift und findet fich das Ich als begrenzt, es muß ſich daher jetzt

*) Ehendafelbft. 8.3. VL. Vgl. damit Grundlage der gef. Wiflen- ſchaſtsl. Debuction der Vorftellung. I. S. 227—229. Hier nennt dichte , Anſchauung“, was er im Grundriß genauer als „Empfindung“ bezeichnet.

**) Grunbriß bes Eigenthümlichen u. |. f. h. su A. 6,367,

Bilder, Gefäläte der Phllofophle V.

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als begrenzt felbft fegen, auf feine Grenze reſlectiren und eben dadurch fiber diefelbe hinausgehen. Die Reflerion auf die (un⸗ begrenzte) Thätigkeit ift notwendig deren Begrenzung, die Res flerion auf bie Begrenzung ift nothwendig Hinauögehen über die⸗ felbe. Ienfeits der Grenze kann nichts andered gefeßt werden als dad Begrenzende. Indem alfo bad Ich über feine Grenze hinausgeht, fest es nothwendig ein Begrenzendes. „Es reflectirt mit Freiheit; aber ed Tann nicht reflectiven (Grenze fegen), ohne zugleich abfolut etwas zu probucien ald ein Begrenzendes ).“ Es ſetzt dad Begrenzende nothiwendig fi) ald dem Begrenzten entgegen un fehließt baffelbe von fich aus. Was aber dem Ich entgegengefebt (von ihm auögefchloffen) wirb, kann nichts andes red fein ald bad Nicht Ich.

2. Dad Ih ald Anſchauung.

Die Reflegion auf die Empfindung (Begrenzung) ift baher eine Thätigkeit, beren Product nothwendig etwas (bad Ich) Bes grenzendes, ihm Entgegengefebtes d. h. ein Nicht: Ich if. Ins dem aber dad Ich auf feine Empfindung veflectirt, veflectirt es nicht zugleich auf biefe feine Reflerion; diefe Reflerion ift eine Thätigkeit, in welcher das Ich nicht fich felbft ſieht; es ſieht ſich nicht handeln, alfo handelt es bewußtlos; bad Product feiner Thatigkeit (dad Nicht: Ich) erfcheint ihm daher nicht ald fein Product, fondern ald Object außer ihm, das ohne fein Zuthun vorhanden ift**).

In diefem Object ift fich das Ich zunächft feiner eigenen Thatigkeit nicht bewußt, und da es überhaupt noch Feiner eiges

*) Ebendaſelbſt. 9.3. VIL S. 384. **) Ghenbafelbft. 8.3. VI. B. ©. 360-363,

647

nen Zhätigkeit fich bewußt ift, fo iſt es mit feiner ganzen Tha⸗ tigkeit im Objecte verloren. Diefes feiner eigenen Thatigkeit vers geffene, in bad Object verlorene und gleichfam verſenkte Ich ift die Anfhauung, bie erfte, urfprüngliche Anſchauung, „bie fumme, bewußtfeinlofe Contemplation”*).

3. Empfindung und Anfhauung.

Das Ich in feiner Begrenzung (als begrenztes) ift Gefühl, Empfindung, aber ald Ich ift ed nicht bloß Empfindung, fon dern ift, was ed ift, für ſich, es ſetzt fich ald empfindend und unterfcheivet bavon bad Empfundene. Es feht ſich als begrenzt durch ein Begrenzendes, ihm Entgegengeſetztes, von ihm Ausge: ſchloſſenes. Das ihm Entgegengefebte ift Nicht-Ich. Im der Anfhauung des Nicht: Ich fühlt fic das Ich begrenzt. Begrenz⸗ tes und Begrenzendes, Empfindung und Anfchauung, das Ge fühl der Begrenztheit (ded Nichtkönnens ober bed Zwanges) und bie Anſchauung des Nicht Ich find (im Ich) mit einander verbunden. Keine Anſchauung ohne Gefühl des Zwanges, Fein Gefühl des Zwanges ohne Anfchauung.

Das Gefühl des Zwanges entfpringt aus der Begrenztheit des Ich, und diefe felbft entfteht durch bie (urfprüngliche) Re: flerion; die Anſchauung entfteht, indem das Ich auf feine Be: grenztheit (Empfindung) reflectirt und dadurch Über feine Grenze hinausgeht, alfo durch bie fpontane Thätigkeit des Ich. Ans ſchauung und Gefühl des Zwanges verhalten fih daher, wie Spontaneität und Reflerion, wie Freiheit und Begrenztheit, wie

*) Ebendaſelbſt. 8.3, IV. ©. 349, VI. S. 364. VII. ©. 370. ®gl damit Grundlage ber gef. Wiſſenſchaſtslehre. Deduction der Vor⸗ fellung. IL. S. 229 281,

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Production und Beihränkung. Beide müffen vereinigt werben. Wie ift eine ſolche Vereinigung möglich *)? UL Anfhauung und Einbildung.

1. Reflerion auf die Anfhauung: das Bild.

Das Ich ift in der Anſchauung bed Nicht Ich zugleich ge: bunden und frei, ed if beides zugleich, indem es auf bie An: ſchauung reflectirt. Worauf es veflectirt, das ift dem Ich ger geben, das ift ohne fein Zuthun vorhanden, darin alfo ift das Ic, völlig beftimmt durch die Wirkfamkeit des Richt: Ich; we nigftens erfcheint dem Ich auf feinem gegenwärtigen Standpunkte das Angefchaute ald Product des Nicht: Ich und muß ihm fo er⸗ fcheinen. Aber daß es darauf veflectirt, iſt feine eigene freie Thaͤ⸗ tigkeit. Es kann nur reflectiren auf bie in der Anfhauung ges gebenen Unterfchiebe, aber es durchläuft biefelben mit Freiheit, zählt fie auf, prägt fie ein. Vermöge diefer Tätigkeit ſetzt es die Anſchauung in fich und bildet diefelbe nach. Im der Reflerion auf bie Anſchauung ift dad Ich nachbildende Thätigkeit und des ren Product dad Bilb**).

2%. Vorbild und Rachbild.

Das Bild ift mit Freiheit entworfen und zugleich vollkom⸗ men beſtimmt, es fol einem von ihm völlig unabhängigen Ob- jecte entfprechen, es wird alfo gefeht als Nachbild. Das Ob- ject, beffen Nachbild es ift, wird damit geſetzt al Vorbild. Das Bild ift Product der eigenen Thätigkeit des Ich und erfcheint

*) Grunbriß des Eigenthümligen u. f. f. 8. 3. VIL. S. 367 368,

*) Ebendaſelbſt. $. 3. 0.2. 6, 373375,

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dem Ich als fein Product; das Vorbild iſt davon unabhängig, & ift nicht Product ber Thätigkeit bed Ich, es gilt ald vorhan⸗ den ohne alles Zuthun des Ich; es wird damit gefegt ald etwas vom Ich Unabhängiges, Reales, d.h. ald wirfliches Ding. Hier entfleht für dad Ich der Unterſchied der Idealität und Reali- tät, der Vorſtellungen und der Dinge, des Subjectiven und Ob: jettiven *).

Das Bild ift Product der Tätigkeit des Ich, das wir: liche Ding ift Product der Wirkſamkeit des Nicht Ich. So ha ben wir Ich und Nicht» Ich, beide in Wirkfamkeit, jebes in feiner Virkſamkeit unabhängig von dem anderen. Aber die Producte der beiden von: einander unabhängigen Wirkſamkeiten follen fich verhalten, wie Nachbild und Vorbild, d. h. fie folen überein fimmen; die Wirkfamkeiten des Ich und Nicht: Ich find mithin von einander unabhängig und zugleich harmoniſch. Wie ift diefe Harmonie möglih? Wir haben hier dad Ich, wie es fich felbft betrachtet auf dem dogmatiſchen Standpunkte: es nimmt bie Objerte al won ihm völlig unabhängige Dinge, es nimmt feine Vorflelungen als entflanden durch eigene, fpontane, von den Din: gen unabhängige Thätigkeit, es fest feine Erkenntniß in die Har: monie beider, d. h. in bie Vorſtellungen, welche den Dingen ge: miß find.

5: Die Anfhauung ala Vorbild,

Wäre dad wirkliche Ding in Wahrheit etwas von bem Ich völlig Unabhängiges (Ding an fih), fo könnte es niemald Wor- bild fein, weil das Vorbild doch auch Bild, Vorſtellung, alfo etwas im Ich ſein muß. Unter einem dem Ich nothwendigen

*) Eendaſelbſt. 3.8. 0.2. S. 375.

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Geſichtspunkte erfcheint diefem fein eigenes Probuct als etwas ihm Fremdes, von ihm Unabhängige, ald Object außer ihm, in deſ⸗ fen Anſchauung das Ich, feiner eigenen Thatigkeit nicht bewußt, ſich verliert. Im Wahrheit ift das wirkliche Ding nichts anderes als unfere erfte, urfprüngliche, unmittelbare Anſchauung, ald das im feine Anfchauung verlorene Ich. Wenn alfo dad Ich dad wirkliche Ding in ſich nachbildet, fo bildet es feine Anfchauung nad, fo reptobucirt es fein eigenes Product: es reprobueirt (mit Bewußtfein), was es (ohne Bewußtfein) probucirt hat. Das durch ift die Harmonie zwiſchen Ding und Vorftellung vollkom⸗ men erklärt und ift nur fo zu erflären: bie Anfchauung ift der Grund aller Harmonie zwiſchen unferen Vorftellungen und ben Dingen *),

Um den Grund biefer Harmonie zwifchen Ding und Vorſtel⸗ lung zu begreifen, muß man den Grund ihres Unterfchiedes in der Wurzel erfaßt haben, und dieſe Einficht ift nur möglich, wenn man dad Wefen